Der Blick in die Bildungsferne

Wir leben in bildungsfernen Zeiten

Heute weiß ich, dass ich sehr gute Lehrer im Fach Deutsch, Geografie ebenso später in den Fächern Politik, Geschichte und Völkerrecht hatte und das mir die Strenge und die Ansprüche dieser Lehrer kein Bisschen geschadet haben.

Heute ist der Begriff „Staatsbürgerkunde“ nur noch im Zusammenhang mit der „SED Vergangenheit“ in Verbindung gebracht – was ihm nicht gerecht wird. Zwar hätte jedem SED-Funktionär in der DDR Staatsbürgerkunde sehr gut getan, aber Karriere war auch damals eine Sache von Rang und Namen (bzw. Geld in Form von West-Devisen).

Ich kann nur immer wieder betonen, dass eine gute sprachliche Bildung und Erwachsenen-Weiterbildung hierzulande viel zu stiefmütterlich behandelt wird. Der Staat selbst hat sich aus dieser Verantwortung für seine Bürger*innen gestohlen und es kommerziellen Bildungseinrichtungen, die es über das Internet wie Sand am Meer gibt, überlassen, aus dem tatsächlich notwendigen Bedarf an Bildung Kapital zu schlagen. Wenn wir also meinen, die Wende 1989/1990 hätte alles besser werden lassen, dann gilt das weder für die alten, noch viel weniger für die neuen Bundesländer. Wir haben damals die Generation über 10 Jahre (Lebensalter) in Sachen Bildung gänzlich im Stich gelassen. Heute sind jene Ende 30, Mitte 40 und stellen im Prinzip die Generation dar, die für die Erziehung von Jugendlichen und Heranwachsenden unserer Zeit verantwortlich zeichnen sollen. Dabei haben von jenen die allerwenigsten aus Erfahrung lernen dürfen, wie wichtig es ist, sein eigenes Bildungs-Schicksal in die Hand zu nehmen und sich auch auf eigener Initiative ständig weiterzubilden. Wir können uns mit Weiterlernen dann zur Ruhe setzen, wenn uns der letzte Schnaufer entfährt, aber wir können bis dahin jederzeit immer weiter lernen.

Meine Erfahrung als Senior-Berater in der Wirtschaft und der Industrie hat mir über Jahre gezeigt, dass den meisten Menschen das Lesen deshalb schwer fällt, weil sie mit dem Gebrauch unserer deutschen Sprache, geschweige denn dem Gebrauch von technischen oder fachspezifischen Sprachen nicht vertraut sind. Wer kann schon ehrlich von sich behaupten, dass er eine Bedienungsanleitung gelesen, beziehungsweise auch verstanden hat?

Jetzt sind wieder Wahlen in unserem Bundesland Hessen angesetzt. Ich habe mir dazu gestern die Wahlunterlagen für die nun anstehende Änderung unserer Landesverfassung angeschaut und war entsetzt über die Chuzpe, mit der die Wahlkommission des Hessischen Landtags zum Artikel 26a der Hessischen Verfassung einen dermaßen missverständlichen Kontext zu der anstehenden Gesetzesänderung formuliert hat, dass die Mehrheit einer Einführung des neuen Hessischen Polizeiaufgabengesetzes durch die Hintertür zustimmen wird!

Das alles hat aber damit zu tun, dass sich kaum jemand noch mit den juristischen Formulierungen unserer Gesetze und Verordnungen auseinandersetzt und nur zu dem Schluss kommen kann, dass „die da oben“ doch nur machen, was sie wollen – Resignation als Produkt von staatlich zu verantwortenden Bildungsferne also.

Doch wer ist der Staat. Artikel 20 unseres Grundgesetzes sagt eindeutig, „alle Macht geht vom Volke aus“. Was gerne auch in jeglichen Zusammenhängen zitiert wird. Aber selten haben unsere Bürger*innen verstanden, dass dies mit etlichen Einschränkungen verbunden ist, die es teilweise berechtigterweise aus unserem geschichtlichen Zusammenhang gibt, die aber andererseits auch teilweise wieder abgeschafft werden sollten. Nur, dann müssen wir Bürger*innen auch das Heft in die Hand nehmen, es lesen, und lernen Fragen zu stellen!

Leider gehört heute die Mehrheit unserer Bevölkerung zu den Menschen, die keine Fragen mehr stellen. Was im Internet an Halbwahrheiten herumschwirrt, wird als bare Münze genommen. Halbseidene Äußerungen unserer Politiker (die wohl im früheren Leben alle Bankberater, Metzger oder Versicherungsvertreter gewesen sein mögen) werden nicht mehr in Frage gestellt. Berechtigte Kritiken vermag kaum noch jemand zu formulieren, weil er im Umgang und im Sprachgebrauch mit der Deutschen Sprache nicht mehr genug geübt ist. Auch den heutigen „Journalisten“ mangelt es, gerade in der schreibenden Zunft, an Erfahrung in Sprache, Geschichte, Wissen über Politik und Wirtschaft. Und so wird kaum noch ein Blatt gedruckt, welches auch sprachlich den Namen „Nachricht“ verdient. Im TV, und das nicht nur bei den privaten Nachrichtensendern, wird kompetente Recherche und sprachliche Fähigkeit, eine Nachricht auch allgemein verständlich und mit korrekter Grammatik zu formulieren, sehr klein geschrieben. Wenn, dann geht es nur darum, möglichst reißerisch daher zu kommen und Hintergrund-Informationen in Dokumentationssendungen, die tatsächlich mit fundierten Recherchen daher kommen, werden für unsere Bürger*innen aus arbeitstechnischen und beruflichen Gründen unerreichbar ins sehr späte Nachtprogramm verschoben.

Ich bin heute mehr denn je zu der Auffassung gekommen, dass es einen Ruck geben muss. Nicht von oben, wie es einst unser Ex-Bundespräsident Roman Herzog gefordert hatte, sondern vor allem von unten. Wieder den Mut zu finden, ein Buch in die Hand zu nehmen und lesen zu üben! Wieder Papier und Schreiber in die Hand zu nehmen und einen persönlichen Brief von Hand zu schreiben. Wieder zum Zeitungsstand zu laufen und sich eine Zeitschrift zu kaufen, die sich mit unseren Alltagsdingen in der Politik und dem Weltgeschehen beschäftigt. Wieder mit anderen Menschen zu sprechen und sich auszutauschen. Und, was am allerwichtigsten ist: wenn man etwas nicht weiß oder nicht verstanden hat, zu fragen!

Wir, das Volk, haben uns von der Bildung entfernt. Sie ist uns nicht einfach davon gelaufen.