Immer mehr Patienten ohne Hausärztliche Versorgung

Immer mehr Patienten ohne hausärztliche Versorgung (Artikel)

Ein Notstand, der auch Hessen betrifft

Autor: Veit Heise, 63477 Maintal, Email: veit.heise@heise-media.eu

Ein Notstand der schon lange bekannt ist

Es ist keineswegs ein Symptom unserer derzeitigen politischen Lage, sondern eine Situation, die sich schon über die ganze Legislaturperiode der nun heute (24.10.2017) verabschiedeten Bundesregierung hinweg abzeichnete. Immer mehr Hausarztpraxen werden von den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) finanziell mit der Androhung und der Vollstreckungen von Strafzahlungen wegen Budget-Überschreitungen unter Druck gesetzt, so dass die Hausarztpraxen nach und nach angefangen haben, besonders kostenintensive Patienten oder Patienten im fortgeschrittenen Alter aus ihren Praxen hinaus zu drängen. Eines der ersten Beispiele[ [1] fand sich für mich 2014 – und inzwischen sind dem viele Beispiele gefolgt. Inzwischen gibt es Aktionen, wie die von Dr. med. Jörg Hennig, Allgemein- u. Sportmedizin, aus Oelde bei Münster/Westfalen (2016), der sich verstärkt um Patienten ohne Hausarzt kümmert, weil im Ort mehrere Praxen weggebrochen waren [2]. Auch in Mülheim a. d. Ruhr hat man dieses Problem erkannt [3]. Auch hier werden bald tausende Patienten ohne hausärztliche Versorgung dastehen.

Dadurch, dass ein Arzt einen Patienten aus wirtschaftlichen Gründen ablehnen darf (um sich z.B. vor überzogenen Regressforderungen und Strafzahlungen durch die KV zu schützen), gehen immer mehr Arztpraxen dazu über, sich nur noch Patienten zu halten, die a) keine Arbeit machen und b) das Budget nicht über Gebühr belasten. Die Folge einer solchen KV-Politik ist von unserem Staat durchaus gewollt. Erstens gibt es da den Griff des Staates in die Kassen der Krankenversicherungen, die durch die KV vertreten sind. Hohe Summen der von den Patienten eingezahlten Beiträgen wandern direkt von den Krankenkassen in die Staatskasse des Bundes, um dort für eine schwarze Null zu sorgen. Außerdem wird die Belastung der Krankenkassen durch immer mehr Scheinselbständige und Geringverdiener verschärft, was ebenfalls eine Folge der politischen Praxis ist, um das Sozialbudget des Bundeshaushaltes zunehmend zu entlasten. Wenn jetzt nach der Bundestagswahl 2017 davon gesprochen wird, dass eine Neuverschuldung durch höhere Ausgaben bei den Koalitionsverhandlungen zwischen Union, FDP und Grünen ausgeschlossen wird, dann können wir uns darauf gefasst machen, dass noch mehr solche Einschnitte in das Budget von Krankenkassen zu erwarten sind.

Auch Hessens Patienten sind in Gefahr

Auch hier in Hessen können wir davon ausgehen, dass zunehmend Patienten bei der Suche nach einem Hausarzt auf der Strecke bleiben. Hier in Hessen gab es 2016 mehrere Insolvenzverfahren von Arztpraxen, die nach Regressforderungen durch die Hessische KV ihre Praxen schließen mussten. Es blieben nicht nur die Ärzte und Mitarbeiter auf der Strecke, sondern in diesen Fällen auch tausende von Patienten, von denen hunderte keinen Hausarzt mehr finden.

Von der KV sind solche Umbrüche gewollt. Sie wollen sich und ihre Krankenkassen vor der politisch unsicheren Belastung durch die Landes- und Bundespolitik schützen. Verdenken kann man es ihnen jedenfalls nicht. Auch kann man die Ärzte, die keine Hausarztpatienten mehr annehmen wollen, nicht pauschal verurteilen, wenn denen dadurch Insolvenz und Geldstrafen in hundertausend – Euro Höhe drohen. Aber es kann nicht angehen, dass wir Patienten (inzwischen gehöre ich auch zur Gruppe der Betroffenen) keinerlei Handhabe gegen diesen Unfug haben, den unsere Berufspolitiker in Wiesbaden und Berlin verzapfen.

Veit Heise, Maintal, 24. Oktober 2017

[1]  500 Patienten ohne Hausarzt, 14.5.2014, Erwin Kohl, Sonsbeck, unter http-link

[2] Akutversorgung von Patienten ohne Hausarzt, Dr. med. Jörg Hennig, Oelde, unter http-link

[3] Bald tausende von Patienten ohne Hausarzt?, Andreas Heinrich, unter http-link

Veraltete Sensationen und der Kummer der Journalisten

Die Nachrichten von heute sind schon veraltet, ehe man sie wahrgenommen hat. Das ist der Lauf der Dinge und eines der größten Probleme für den modernen Journalismus. Die zunehmende Geschwindigkeit, mit der Nachrichten und ihre Schlagzeilen generiert werden, lassen kaum noch Zeit genug, um Quellen und Inhalte ausführlich zu recherchieren und prüfen. Mit der sinkenden Qualität der verbreiteten Nachrichten verringert sich aber nicht nur das Vertrauen in die Verlässlichkeit des Journalismus, es führt auch zu einer schleichenden und fortschreitenden Geschichtsfälschung. Wer sich den Inhalt von heutigen Nachrichten in zehn Jahren oder mehr betrachtet, kann sich sicher sein, dass kaum ein Bruchteil der Nachrichteninhalte der damaligen Wirklichkeit entsprochen hatte. Dadurch verfällt der historische Wert einer Nachricht gegen Null.

Der historische Wert einer Nachricht wird viel zu wenig beachtet. Die Nachvollziehbarkeit einer historischen Entwicklung ist von besonderem Wert, wenn daraus auch eine Entwicklung für die Zukunft abgeleitet werden soll. Heutiger Journalismus scheint darauf wenig Rücksicht zu nehmen. Journalisten sind heute mehr denn je in einer monetären Abhängigkeit zu Verlegern und Medienkonzernen, die ausschließlich mit Sensationen Kasse machen (wollen), um mit gesteigerten Auflagen oder Multi-Millionen-Klicks im Internet ihre Werbekunden befriedigen zu können.

Das eigentliche Ziel des Journalismus, meinungsbildende Informationen zu liefern, die auf Tatsachen beruhen, gerät dabei aus dem Fokus der Betrachtung. Die Bedeutung des Journalismus in seiner aktuellen Situation der marktpolitischen Abhängigkeit resultiert auch in der momentanen Situation der bundesdeutschen Politik. Das Wort „Lügenpresse“ kommt bestimmt nicht von ungefähr daher. Das Vertrauen in die Inhalte althergebrachter Print-Medien ist größtenteils verspielt und das nicht erst sein der Veröffentlichung der angeblichen Hitler-Tagebücher durch das Stern-Magazin. Auch andere Verlage und Herausgeber haben sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Der einzige Weg aus diesem Dilemma ist und bleibt der Bildungsweg. Fehlende fundamentale Allgemeinbildung führt mitunter nicht nur zu katastrophalen Fehleinschätzungen, sie führt auch zu politischer Unsicherheit und Unruhe. Gerade im journalistischen Bereich ist die Vorbildung in Politik und Geschichte eine Grundvoraussetzung. Hier sollten auch die Schwerpunkte in der journalistischen Ausbildung gesetzt werden.

Ich muss oft feststellen, dass gerade journalistische Publikationen im Internet diese Vorbildung missen lassen. Und nicht selten liegt es daran, dass die Lehrer und Dozenten nicht in der Lage sind, ihren Schülern und Studenten einen lebendigen Lernstoff für das Fach Geschichte zu liefern und sie für eigenen Erkenntnisse zu begeistern.

Geschichte ist eben nicht nur die bloße Aneinanderreihung von Daten und Fakten, sondern es ist auch der volkswirtschaftliche Überblick über die politischen Auswirkungen von Ereignissen und Entscheidungen Einzelner. Es geht schließlich nicht nur um die Schlagzeile, die von uns Journalisten verbreitet werden soll, sondern auch um die Lehre und Erfahrung, wie wir in Zukunft anders verfahren können oder müssen.