Ein Gefühl wie Herr K. (Fiction!)

  So wie ich es bei Kafka gelesen hatte – und auch so, wie ich es von Tucholsky las. Wer kennt die noch? Und trotzdem ließ es mich vor innerer Kälte erschauern. Zwei Tage sitze ich nun schon, schreibe an meinem Bericht über meine Recherchen über die „Neue Ordnung“, eine politische Organisation, die sich nach und nach hoffähig gemacht hatte und viele soziale und politische Posten eroberte. Vorher verband ich zu diesem Begriff noch „Joy Division“, eine britische Pop-Band und „Neueordnung.org“, ein antifaschistisches Web-News-Paper. Niemand wäre auf die Idee gekommen, das „Neue Ordnung“ auch bedeutet, eine faschistische Anomie als Grundlage für eine neue Weltordnung zu erheben. Anfangs begriff ich überhaupt nicht, was da vor sich ging. Erst als die US-Abgeordnete Gabrielle Giffords mit einem Kopfschuss niedergestreckt wurde, weil sie die Gesundheitsreform von Barack Obama maßgeblich unterstützt hatte, kam ich Stück für Stück dahinter. Dann lief in PHOENIX die Sendung „Obama Land ist abgebrannt“ und schon wurde mir deutlich gemacht, dass in den Vereinigten Staaten die so genannten konservativen Kräfte, also die Republikaner und die Tea-Party-Anhänger, anstreben, die demokratische Verfassung außer Kraft zu setzen, Obama und seine Reformen an die Wand zu fahren und dann die faschistische Kraft des freien Markts dazu auszunutzen, endlich eine globale Welle von faschistischer Anomie über unseren Erdball zu schicken.

Es klingt mir alles immer noch zu fantastisch. Doch, dass es vollkommen anders war, viel realer, wurde mir vor wenigen Tagen bewusst, als ich eine Email öffnete, in der mir eine Freundin mitteilte, dass sie verschwinden müsse. Man hatte ihr anonyme Todesdrohungen per Post geschickt, darunter ein totes Stinktier, das in einem Styropor-Behälter per UPS angeliefert wurde. Darin auch eine umfangreiche Liste mit Anschriften und Telefonnummern aller ihrer privaten Kontakte, auch zu ihren Freunden bei ATTAC, mit genauer Angabe von Datum und Zeit. Sie ist überzeugte Globalisierungsgegnerin. Inzwischen ist sie abgereist. Ein schwedischer Freund bei ATTAC hat sie mit einem Privatjet aus Deutschland ausfliegen lassen. Das erschreckende war, dass ihre „Angreifer“, wie sie diese Erpresser objektiv nannte, sogar auf Verbindungsdaten von den Telekommunikationsanbietern zugreifen konnten. Da gab es kein Datenschutz mehr, keine ethische Grenze, da gab es nur noch die nackte Macht des Geldes. Es gab also keinen Grund mehr für sie, weiter in Deutschland für ATTAC tätig zu sein und so verschwand sie an einen unbekannten Ort.

Zurück blieb ich, mit meinen Gedanken an Kafka und seinen Herrn K, wie er sich dieser undefinierbaren Bedrohung ausgesetzt sah. Und wie Tucholsky, der letztendlich den Freitod vorzog, einsichtig genug, dass er die Gesellschaft des Dritten Reiches nicht zu verändern vermochte. Aber wäre das eine Alternative, sich einfach so aus dem Staub zu machen und denen das Feld zu räumen, die nur ihren kommerziellen Gewinn im Blickfeld haben? Denn auch im Dritten Reich war das Pogrom an den Juden, den Sintis, den Roma, den Schwulen, den Sozialisten, den Kommunisten und den Andersdenkenden eine Sache des Geldes. Es ging immer nur ums Geld. Die „Osterweiterung“ des Deutschen Reiches, war genau so eine Form der Globalisierung, wie auch die „Landnahme“ der Russen in der leninistischen und stalinistischen Diktatur und der Bildung der UdSSR. Auch China hatte nie etwas anderes im Sinn, als sie Tibet zum Staatsgebiet der Republik China ernannten. Tibet, die innere Mongolei und auch Hongkong sind ein wichtiges Bindeglied zu den Weltmärkten. Nicht ohne Grund baute man die Turk-Sib, die Eisenbahnstrecke von Moskau über Turkmenistan nach China aus, um den Binnenhandel nach Russland und nach Europa zu kontrollieren. Die USA hängt heute schon an Chinas Tropf. Gegen billige Rohstoffe und Devisen bekommen die einst so technologisch führenden USA hochwertige Hightech aus China geliefert. Container gehen leer nach China über den Pazifik und kommen gefüllt mit Laptops, PCs, Handys, DVD-Playern und und und zurück. Die Republikaner haben trotzdem keine Angst vor einer „gelben Gefahr“. Ihr Feindbild sind heute noch lange nicht die Chinesen. Heute ist es Obama und seine „kommunistische“ Gesundheitsreform und die gesetzliche Krankenversicherung. Aber morgen, dann sind es auch die Chinesen.

Die unkontrollierte Wut flutet durch die News von FOX und deren angeschlossenen Fernsehkanäle. Dafür kann man auch schon mal eine Abgeordnete abschießen, wie einen Eber im Wald. Nicht mal eine Woche nach dem Attentat an Gabrielle Giffords veranstaltete die Waffenlobby in Tucson, Arizona, in der Stadt, in der das Attentat geschah, eine Verkaufsmesse für Waffen. Hoch leben die rauchenden Colts.

Als Latoya aus Deutschland geflüchtet war, saß ich fast einen Tag lang wie besinnungslos auf meinem Bett und las Briefe, die sie mir geschickt hatte. Ich wusste selbst nicht, was ich darin zu finden suchte. Bis ich in mehreren ihrer Briefe auf die Gruppierung „Neue Ordnung“ traf. Es waren keineswegs Ewiggestrige, die rechten Parolen hinter her hingen. Es ging um eine Clique von Bänkern und Investoren, die versuchten, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die politischen Ziele der ELDR und der Parteivorsitzenden Anne-Marie Cécile J. Neyts-Uyttebroeck (MEP) aus Belgien endlich umzusetzen. „Neue Ordnung“ war ein als liberal-demokratisch getarntes Programm zur Stabilisierung der Globalisierung und der globalisierten Märkte. Es ging dieser Gruppierung um die „Gewinnmaximierung der irdischen Ressourcen“ und ein Leben in Saus und Braus, koste es, was es wolle. „Warum sollen wir den chinesischen und russischen Milliardären alles in den Arsch blasen?“ war die Aussage eines britischen Brokers, der es sich zum Ziel gemacht hatte, im Jahre 2012 endlich selbst Multi-Milliardär zu werden, damit er sich mit einem ausreichend großen Aktienpaket in die AGs der Londoner und Frankfurter Börse einkaufen konnte. So hätte er für seine Kollegen eine genügend stabilisierte Basis, um mit Daytrading endlich so viel Kohle zu „generieren“, dass er die Rohstoffmärkte gegenüber den großen Multinationalen Konzernen diktieren konnte. Frank Ray, so hieß dieser Broker. Und als mir dieser Name wieder einfiel, da konnte ich endlich den losen Faden aufrollen, der mich nach und nach zu dieser Organisation „Neue Ordnung“ führte.

Just in dem Moment klingelte das Telefon. Ich erschrak zu Tode. Ich nahm nach dem vierten Klingeln ab und hörte nur ein leises Stöhnen. Niemand sprach ein Wort. Just in dem erreichte mich auch noch eine Email. Ich legte auf und ging zu meinem Apple-Notebook und öffnete die Mail. „Wir kennen jeden Deiner Gedanken!“ lautete die Email, die mir von einer Adresse „@neworder.org“ geschickt wurde. Ich kam mir vor, wie Herr K.

Egal, ob der Herr K. von Kafka oder von Brecht. Saßen sie mir wirklich schon im Hirn. Ich wischte meine Bedenken bei Seite und versuche mehr über diese Gruppierung und ihre Mitglieder im Internet zu recherchieren. Ich hangelte mich durch Werbeseiten von Investment-Banken, von politischen Parteien, durch Postings von Investoren, Bankern und Abgeordneten. Das einzige, was ich dadurch für mich erreichte, war die Erkenntnis, dass „Neue Ordnung“ bereits ein multinationales und globales Netz gespannt hatte und sich auch in den chinesischen Börsen in Hongkong und Shanghai festgesetzt hatten. Sie kontrollierten nicht nur London, Frankfurt und die Wallstreet. Sie saßen in Paris, in Stockholm, in Wien bei der OPEC und auch in den Börsen von Portugal, Griechenland und Irland. Geld kam aus allen Ecken und Ritzen, egal, ob aus der Türkei oder Israel, aus Südafrika oder Taiwan. Indische Bankiers und Broker von den Golfstaaten hatten sich mit Westafrikanischen Bänkern und Politikern zusammen geschlossen, um den namibischen Ölmarkt „gerecht“ aufzuteilen. Jeder versuchte unseren Globus Tropfen für Tropfen auszusaugen, Hauptsache der Profit stimmt. Niemand dachte mehr auch nur im Geringsten an die Mahnung von James Smith, den Begründer der Philosophie der freien Märkte, dass es eine ethische Grenze gäbe. Die gab es schon lange nicht mehr, nicht mehr seit die Globalisierung um sich gegriffen hatte.

Mit jeder Minute, die verstrich, wurde mir mehr bewusst, dass der Karren tief im Dreck saß und dass es kaum noch jemanden gab, der ihn herausreißen konnte. Auch kein Obama mehr. Der braucht nicht einmal mehr ein Attentat zu fürchten, so diskreditiert ist er inzwischen. Was konnte man noch tun, gegen den Ausverkauf der Natur, gegen das „Nach mir die Sintflut!“, gegen die Vernunft. Was sollte mir noch zu tun bleiben, wenn ich mir bewusst war, das dieser Planet zum Teufel ging und wir Menschen kaum noch eine Überlebenschance hatten. Vor allem, dass nicht irgend eine natürliche oder kosmische Katastrophe daran Schuld sein würde, sondern wir Menschen selbst. Gift nehmen? Ein feuchtes Handtuch um den Hals und sich selbst am Fensterrahmen strangulieren? Soll sicherer sein, als sich versuchen aufzuhängen, was meist zu unschönen Verletzungen führt, die einen auch noch im Rollstuhl zurück lassen. Eine Plastiktüte über den Kopf und vorher Schlaftabletten schlucken?

Oh, was wünschte ich mir Lucy´s Licht und die Erleuchtung der Menschen. Vor Erschöpfung schlief ich ein. Als ich aufwachte, fühlte sich alles an, als sei es nur ein Alptraum gewesen…