An der Natur vorbei

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, der von unserer Generation nur schwer zu verkraften sein wird, von unseren Kindern und Enkeln ganz zu schweigen. Wer die Zeche letztendlich zahlen muss, das steht heute noch nicht fest, aber dass sie gezahlt werden muss, das dürfte auch dem Letzten inzwischen klar geworden sein. Jedoch werden diejenigen, die in dem Bewusstsein leben, dass wir nur auf erneuerbare Ressourcen zurückgreifen können, ohne die Natur weiter und weiter zu schädigen, immer mehr ins Hintertreffen kommen.

Inzwischen haben wir eine Renaissance der Atomenergie erreicht, in der wir den Ausstieg vom Ausstieg besiegelt haben. Ob der Bundesrat der Regierungsentscheidung für eine Laufzeitverlängerung bis 2032 und bis 2038 in ausgewählten Atom-Kraftwerken zustimmen wird, ist fraglich, denn offensichtlich soll diese Entscheidung am Parlament und am Bundesrat vorbei zementiert werden. Am 18. September 2010 formierte sich der erste zaghafte Protest von SPD, Die Grünen und Gewerkschaften gegen diese Entscheidung. Es soll ein „heißer Herbst“ werden, aber immer noch ähnelt es mehr einem mildem Spätsommer.

Ist in Deutschland überhaupt ein bundesweiter Protest gegen die christlich-liberale Politik möglich? Diese Frage wiegt insofern schwer, dass wir Deutschen eher dafür bekannt sind, als Wähler eher eine abwartende als eine reaktionsfreudige Nation zu sein scheinen. Wären heute Bundestagswahlen, würden Rot-Grün vielleicht mehr Stimmen erhalten, als Schwarz-Gelb, dagegen könnten aber Rot-Grün nicht ohne die Unionsparteien regieren. Wir hätten wieder eine große Koalition und somit eher eine Kompromiss-Regierung, wie damals zu Zeiten von Merkel und Steinmeier, aber keinen echten Kurswechsel.
Doch was soll sich ändern, wenn wir noch nicht einmal zu einem geschlossenen Protest gegen die Regierungspolitik fähig sind. Es ist wohl eher ein geschichtliches Problem, dass zu Tucholskys Zeiten mit dem „deutschen Michel“ dokumentiert wurde, der verträumt im Schlafanzug ohne zu verstehen durch die Zeit seiner Generation läuft – ohne Reaktion auf die offensichtlichen Missstände. Und genau so ist es auch geblieben. Die Deutschen tun sich schwer mit Veränderungen, besonders ihrer liebgewordenen Gewohnheiten. Dazu gehört eben auch, sich nicht in die Arbeit der Politiker einzumischen. Wer trotzdem aufbegehrt, gilt als Außenseiter und wird aus der großen Gemeinschaft am liebsten ausgeschlossen. Wenn schon Protest, dann darf er in Deutschland nur organisiert stattfinden.

Auch die Medien, wie Internet und Blogs haben nicht viel an dieser Mentalität verändern können. Dabei ist doch der Mensch in seiner Natur gar nicht so kritiklos. Wenn uns etwas nicht gefällt, was den Nachbarn umtreibt, dann ziehen wir vor Gericht. Die Zahl der Zivilklagen hat in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen und immer mehr Gerichte werden mit immer mehr Klagen blockiert. Doch wieso wagt niemand, sich selbst offen und deutlich gegen die herrschende Politik durchzusetzen?

Es ist nicht so, dass dem Deutschen die Möglichkeiten dazu fehlen würden, sich zu erklären und seinem Unmut Ausdruck zu verleihen. Doch warum nutzt niemand seine Möglichkeiten zum Protest? Ist es wider unsere Natur, zu protestieren; sind wir dann keine „braven Deutschen“ mehr?

Als in den sechziger Jahren die Studenten aufbegehrten und ihre oftmals marxistisch-leninistischen Konzepte vortrugen, da hat sie niemand verstanden. Heute noch geistert das Gespenst herum, Karl Marx sei Kommunist gewesen. Dem kann man nur widersprechen, denn Marx hatte ganz andere Ambitionen. Er war der erste universitäre Philosophie-Lehrer, der sich mit der Volkswirtschaft auseinandergesetzt hatte, wie sonst noch niemand vor ihm. Ihm ging es darum, seinen Studenten und späteren Lesern (Karl Heinrich Marx war ab 1842 vornehmlich publizistisch tätig) den Sinn und die Grenzen der Ökonomie zu vermitteln. Als er 1849 ins englische Exil nach London ging, da ging er scharf mit der in Deutschland und Europa herrschenden konservativen Politik ins Gericht. Aber stets blieb Karl Marx ein Vertreter des Realismus. Sein Artikel über den „Wert der Arbeit“ (Lohnarbeit und Kapitalismus, 1844) war federführend für das spätere Gesamtwerk „Das Kapital“ und zeigte auf, wie wenig wir uns schon damals um den Wert der Arbeit machten.

Es geht an der Natur des Menschen vorbei, wenn wir uns nicht auch mit den inneren Werten befassen. Es geht an unserer Natur vorbei, wenn nur noch Kommerz und Materialismus bestimmen, wie und wo wir zu leben haben. Wir sind inzwischen so knapp davor, dass wir die Gesundheitsversorgung nur noch denen zukommen lassen wollen, die jung, gesund und reich sind. Dass Armut krank machen kann, dürfte allen klar sein. Und somit ist es nur ein denkbares Ansinnen der Politik, hier eine klare Grenze zu ziehen. Wir sind bald soweit, dass es wieder heißt: „Wer arm ist, ist selbst dran schuld“… Kann das im Sinne unserer Natur sein?

Wo ist in Deutschland die Begeisterung, die man in den 80er Jahren der polnischen Bewegung „Solidarnosc“ entgegenbrachte, geblieben? Haben die Deutschen überhaupt verstanden, was Solidarität überhaupt bedeutet? Dass es nämlich die Hilfe der Stärkeren für die Schwächeren bedeutet, scheint den meisten Menschen entgangen zu sein. Wer stärker ist, macht sich heute kaum noch Gedanken um die Schwächeren. Das merkt man auch an der sinkenden Bereitschaft, ein Ehrenamt zu übernehmen. „Fun“ ist in.

Wieso handeln wir immer mehr gegen unsere Natur? Warum können wir nicht begreifen, dass unser natürlicher Lebensraum sich immer mehr schmälert, je mehr wir vom Dasein eines „sozialen Wesens“ abkommen? Was muss alles noch passieren, um ein Umdenken auszulösen. Noch mehr Armut, Katastrophen oder gar ein Krieg?

Deutschland ist nicht alles…

Nichts fällt uns so leicht, wie die Kritik an der Gesellschaft. Wir kritisieren die Hartz-IV-Empfänger, sie seien alle arbeitsscheu, wir kritisieren die Bänker, sie würden all unser Geld verschwenden. Wir kritisieren die Politiker, sie seien unfähig eine „gute Politik“ zu machen. Aber kaum ein Deutscher kann definieren, was „gute Politik“ überhaupt sein soll. Wir leben in einem namenlosen Zustand, in dem nicht nur die Zukunft ungewiss ist – sogar die Vergangenheit entweicht uns, wie man an dem Kommentar von Frau Erika Steinbach1 erkennen kann. Doch bei aller Kritik, ändern wir doch so gut wie überhaupt nichts an unserem Land, dafür wird es nach und nach schlimmer und schlimmer. Im Großen und Ganzen kann man sagen: wir haben überhaupt nichts aus unseren Fehlern gelernt.
Es war mein Großvater, von dem ich Sätze hörte, wie „Das Dritte Reich war in aller erster Linie eine Sache des Geldes!“ oder „Der Faschismus fängt da an, wo der Feudalismus sich Mauern baut“. Und so war es dann ja auch. Die Nationalsozialisten waren vor allem auf das Geld und den Besitz von Juden und Andersdenkenden aus und haben damit ihre Rüstungsindustrie finanziert, die Deutsche Reichsbahn ist am Transport von Juden in die Konzentrationslager reich geworden und als der Krieg vorbei war und die stalinistischen Feudalisten den Staat DDR schufen, da bauten sie recht bald eine Mauer drum herum, um ihren Faschismus vor der Wirklichkeit zu schützen. Und wie ist es heute? Heute sitzen die Feudalisten vor allem in den Bankentürmen in Frankfurt am Main, zu Hause vor ihrem PC mit den Broker-Programmen und scheffeln das Geld von einem Konto aufs andere, fahren dicke Geländewagen, sonnen sich in ihrer eigenen Egozentrik und schimpfen auf die „Sozialisten“, sie würden unser Land nur kaputt machen wollen. Heute kritisieren wir die „Linke“, mit ähnlich klingenden Worten, wie Deutschland sie schon zu Zeiten des Sozialistengesetzes und nach Graf Otto v. Bismarcks Abgang gehört hatte.
Was haben wir überhaupt gelernt? Wie man eine Kultur durch den Kommerz destabilisiert? Ja, das ist uns wahrlich gut gelungen. Und niemand stört sich daran, denn alle konsumieren fleißig mit. Wo sind die solidarischen Ideale geblieben, die wir uns zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland auf die Fahne geschrieben hatten? Bald heißt es sicher wieder „Deutschland, Deutschland, über alles…“ und dann? Wen wollen wir diesmal im Ofen verbrennen? Wie viele wollen wir dann vergasen, wenn wir nicht mehr sicher sein können, wer „deutsch“ ist und wer nicht?
Ich glaube, viele sind der Meinung, dass der Nationalismus vergangen und vergessen sei. Dabei schimpfen immer mehr Bürgerinnen und Bürger über die Ausländer. Vergessen dabei aber, das viele dieser „Ausländer“ wie wir Bürger der Europäischen Union sind und sich innerhalb der EU aufhalten und leben dürfen, wo es ihnen beliebt. Lediglich die Meldung des derzeitigen Aufenthaltsortes ist Pflicht (siehe Meldegesetz) und sonst weiter gibt es faktisch nur politische Grenzen zwischen den Mitgliedstaaten. Und das ist gut so. Ich kann heute meine Krankenversicherung in Großbrittanien abschließen, meine Rentenversicherung in Polen und meine Haftpflichtversicherung in Österreich oder Frankreich, ich kann mir in Rumänien ein Haus kaufen und darin wohnen und wenn es mir Spaß macht, eine Spanierin oder eine Griechin heiraten und trotzdem bleibe ich Bürger eines Mitgliedsstaates der EU. Auch das ist gut so.
Woher nehmen wir uns also das Recht der Polemik und der Ressentiments gegenüber den „Ausländern“, die allesamt und größtenteils Bürger eines EU-Mitgliedstaates sind? Nein, die Türken sind keine Ausnahme mehr, seit sie in der EU als „assoziierter Staat“ anerkannt sind. Außerdem möchte ich zu bedenken geben, dass unsere kapitalistische Größe Edzard Reuter, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Daimler Benz AG, selbst während der Kriegszeit 1935-1945 seine Kindheit und Jugend in Ankara im Exil verbrachte und sein Vater, Otto Reuter, der erste Berliner Oberbürgermeister nach dem 2. Weltkrieg, dort Professor für Städtebau an der Universität von Ankara war. Er war immer ein Freund der Türken und sollte uns deshalb Beispiel sein. Zudem scheren wir alles über einen Kamm, wenn wir von den Türken sprechen. Wer spricht schon gerne über die Kurden? Ich hörte nicht selbst den Begriff „Gammel-Türke“, wenn es um einen Kurden ging. Kann man abschätziger einen Bürger einer verheimlichten Nation bezeichnen?
Wir sollten aufhören, nur in den Grenzen von Deutschland zu denken. Die Zeiten sind seit der Einführung des Euros ein für alle Mal vorbei. Wir sollten auch aufhören, ständig uns nur auf unsere Kritik zu berufen. „Ich habe es schon immer gesagt, dass dies und das“… das bringt uns nicht weiter. Wir brauchen Konzepte und Lösungen für ein Zusammenleben, die von den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes ausgehen. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die Politik uns schon die Richtung weist. Wir können diese Richtung selbst vorgeben. Schafft Kooperativen zwischen EU-Bürgern! Schafft Freundeskreise, aus möglichst vielen Nationalitäten bestehend. Bemüht Euch um Kontakte, auch ins Ausland. Schreibt Briefe. Briefe sind etwas vollkommen anderes, als eine Email. Briefe sind persönlich, gar intim. Sie zeigen uns von einer gänzlich anderen Seite. Das sind unsere Möglichkeiten, die wir haben, Europa auch in unserem Alltag zu leben.
Wir müssen nicht, während wir Ayran trinken und an einem Döner kauen, auch noch laut herum posaunen „Die Türken sollen endlich verschwinden!“ Wie viele würden dann verhungern…