Verlorene Relationen

Im Jahr 1997 hielt ich einen Vortrag über den „Wert der Arbeit“, eingeladen von einer der größten deutschen Banken. Es ging damals um das Thema „Globalisierung der Märkte“ und die Auswirkungen auf unseren Alltag. Ich habe ja in den USA Volkswirtschaft gelernt, sowohl theoretisch als auch praktisch. Und die Werke von Karl Marx stehen in den USA bei den Wirtschaftswissenschaftlern hoch im Kurs. „Das Kapital“, besonders das 10. Kapitel über den „Wert der Arbeit“, kennt dort so ziemlich jeder Student. In diesem Kapitel geht es um Arbeitsmetrik, sprich: die Bewertung, welche Arbeit welchen Gegenwert nach sich zieht. Ein Binnenmarkt und ein globalisierter Markt, ist auf die Metrik der Arbeit angewiesen, damit Produkte und Waren einen angemessenen Preis erzielen können. Heute werden in dem globalisierten Markt Preise für Produkte verlangt, die so nie und nimmer realistisch sein können. Ein T-Shirt für 1 Euro ist ein unrealistischer Preis, selbst als Selbstkostenpreis des Produzenten. Der Produzent könnte sich so niemals über Wasser halten. Auch das viel gepriesene »die Masse bringt es« hilft auch nicht weiter. Selbst hohe Stückzahlen können keine Produktionsverluste wett machen. Irgendwo muss aber das Geld verdient werden. Hierzulande hat man sich darauf verstiegen, durch Dienstleistungsprodukte Geld zu »generieren«. Versicherungen, Bankenprodukte, Börsenhandel. Das sichert zwar ein hohes BIP (Bruttoinlandsprodukt), weil der Geldfluss entsprechend steigt, aber es hat wie jede Medaille zwei Seiten. Die eine Seite ist der hohe Umsatz bei den Geldhäusern, die selbst nach dem katastrophalen Zusammenbruch des Immobilienmarktes wieder mit mit Milliardengewinnen (EBIT, earning before incomming taxes) aufwarten können. Daraus kann ich nur eines schließen, dass nämlich die Arbeitsprozesse, die für produzierte Waren erforderlich sind, ausschließlich durch die Dienstleistungsprodukte im Kapitalmarkt finanziert werden. Einschließlich Rohstoffe und Arbeitskraft wird alles nur auf Pump (aus der Hand der finanzierenden Investoren) geschaffen. Damit ist unser Bruttoinlandsprodukt schon lange kein bewertbarer Maßstab mehr, es ist vielmehr eine dermaßen gefährliche Schieflage eines Gesamtsystems, das damit allen Lobpreisungen für den globalisierten Markt widerspricht. Wir können nicht damit Geld verdienen, in dem wir anderen dafür Geld abnehmen, dass wir ihnen mehr Geld versprechen. Das Geld wird nicht mehr, denn es gibt einen festgesetzten Mengentender, der bestimmt, wie viel Euro in unserem deutschen Geldmarkt kursieren können. Durch Eingriffe von der Regierungsseite haben wir zwar immer wieder eine Erhöhung des Mengentenders vorgenommen, das ist aber lediglich eine Vermehrung der Inflation, keine Schaffung von neuem »generiertem« Geld. Was nicht da ist, kann auch nicht von Zauberhand erschaffen werden. Den Menschen in dieser Gesellschaft wird aber mit dem ständigen Vorbeten von Wirtschaftswachstum, egal ob positiv oder negativ, der Eindruck vermittelt, Wachstum sei unbegrenzt möglich. Dem ist nicht so. Alle Ressourcen auf diesem Planeten sind nur in einer begrenzten Menge vorhanden. Aus einer handvoll Steine kann kein Gold werden, aus einer Zahnplombe kein Platin. Das, was ich 1997 an dem Wort »Wertschöpfungsprozess«kritisierte, war der Versuch, den Menschen weiszumachen, dass sie aus dem Nichts heraus ohne Aufwand von durch Arbeit erwirtschaftetem Gut, Geld machen könnten. Das wurde den Unternehmen gepredigt, die das regelrecht verinnerlichten. Das wurde den privaten Anlegern gepredigt, die ebenfalls dachten, mit geliehenem Geld auf dem Kapitalmarkt durch Spekulation ihren Einsatz zu vervielfachen. Es wurden astronomische Renditen versprochen, die aber jeglicher volkswirtschaftlichen Grundlage entbehrten. Wie gesagt, die Menge an Geld wird nicht durch Zauberhand größer. Kreditaufnahmen auf der Regierungsebene, führen zwangsläufig zu inflationären Verhältnissen und können auch keinen Aufschwung am Markt herbeiführen. Denn irgendwo muss dieses Geld geliehen werden, dafür muss dann auch kein unbeträchtlicher Zinsdienst geleistet werden. Zinslose Kredite sind eine Illusion. Trotzdem denkt man immer noch im Schema »Wertschöpfungsprozess« und ist sich sicher, dass es einen Aufschwung gibt, nur in dem man Geld in den Markt pumpt.
Wir haben die Relationen zur Realität und dem tatsächlichen Wert von Arbeit verloren. Waren werden subventioniert und kosten nicht genau so viel, wie sie an Preise für Rohstoffe, Fertigung, Arbeitslohn und Vertrieb kosten müssten. Sicher, es wird noch sehr lange Zeit eine Illusion bleiben, dass Arbeit überall den selben Wert haben wird. Denn würde das der Fall sein, dann könnten wir genau so gut das Geld abschaffen. Eine Gesellschaft ohne Geld ist keine unmögliche Sache. Für eine Ware kann ich ebenso mit Waren oder mit Arbeitsleistung zahlen. Tauschhandel nennt man das. Das Geld wurde lediglich als eine virtuelle Größe eingesetzt, die durch einen feudalen Herrscher in ihrem Wert festgesetzt wurde. Damit konnte er besser beziffern und kontrollieren, wie viel seine Untertanen an Steuern abführen mussten. Viel hat sich an dem System nicht verändert, aber es gibt Möglichkeiten das zu ändern.

Die Mogelpackung

Warum haben wir in Deutschland inzwischen wieder ein neo-feudalistisches System? Die Zeit wiederholt sich. Wie Ende der 20-er Jahre im letzten Jahrhundert, das 1929 im großen Börsencrash gipfelte, haben wir heute wieder eine enorme wirtschaftliche Instabilität, die auch diesmal in der Schwächung der produktiven Arbeiterschaft durch das Kapital und die Geldwirtschaft zu verantworten ist. Jetzt, im Oktober 2009, reden wir immer noch davon, dass unsere neu gewählte christ-liberale Regierung Steuererleichterungen verspricht, die aber nur den oberen Verdienstgruppen zugute kommt. Warum, das ist leicht zu erklären:

Die unteren Verdienstgruppen, die durch das Gros unserer Bevölkerung repräsentiert werden, sind steuerlich so eingruppiert, dass sie meistens überhaupt keine Steuern zahlen müssen, entweder weil ihr Verdienst so gering ist, dass sie unter den Steuerfreibetrag fallen oder weil sie Hartz-IV-Empfänger sind. Das bedeutet, sie haben keinerlei steuerliche Erleichterung zu erwarten, im Gegensatz zu denen, die durch den wachsenden Steuerfreibetrag und die nun versprochenen Steuererleichterungen ganz erhebliche Wettbewerbsvorteile innerhalb unserer Binnenwirtschaft genießen.

Dafür wird aber die Umsatzsteuer/Mehrwertsteuer auf bis zu 25% steigen, ebenso die Sozialausgaben für Krankenkasse und Pflegeversicherung. Das bedeutet vor allem eine Mehrbelastung für die Einkommensgruppen, die keine Steuer zahlen müssen und deshalb auch keine Vergünstigungen zu erwarten haben. Denn Erhöhung der Mehrwertsteuer und Sozialversicherungsbeiträge, sind bewusst aus dem Paket „Steuererleichterung“ der Bundesregierung herausgehalten.

Also die echte Mogelpackung!

Kranke Ärzte…

Diesmal bleibt mir nichts anderes, als die Ärzte als Krank zu definieren. Ich hatte eine grandiose Odissee hinter mir, letzten Freitag. Und eine Stinkwut im Bauch. Unfallarzt mit Treppe am Eingang, die für Rollstuhlfahrer wie mich unüberwindlich sind. Was nützt mir da ein Termin zur ambulanten Chirurgie? Ich kam also gar nicht in die Praxis hinein. Dann weiter zum nächsten Krankenhaus. Glücklicherweise bin ich ja auch unterwegs online, also konnte ich Telefonnummer ausfindig machen und das Krankhaus vorab anrufen. Kein Problem, sofort einen Termin bekommen. Als ich mich dem Krankenhaus näherte, da wurde mir klar, warum ich gleich einen Termin bekam. Denn dem Krankhaus fehlten die Patienten. Um das Krankenhaus herum Baustellen und Einbahnstraßen, die eine Zufahrt zum Krankenhaus schlicht unmöglich machten. Also 30km weiter zum nächten Krankenhaus. Absoluter Service Notstand! Infoschalter und Aufnahme wurde durch ehrenamtlich tätige Rentner besetzt, die für den kirchlichen Träger den Frohndienst übernahmen. Und in der chirurgischen Ambulanz. Das erste, was der Arzt zu mir sagte, noch bevor er sich überhaupt angehört und angeschaut hatte, was ich wollte: „Ich seh da nix!“ Natürlich kocht bei mir da der Seifensieder. Der Freitag war also wirklich für die Katz. Und rund 110 Euro Taxikosten verfahren! Es ist ja nicht das Geld der Ärzte… und die Krankenkasse muss es ja auch nicht zahlen….

Ach übrigens: beim herausgehen sah ich, wie die Ärzte aus dem Unfall-OP in ihren OP-Kitteln ins Freie gingen und zurück in den OP-Bereich. Hoch lebe der Gasbrand. Ich habe das Gesundheitsamt informiert. War ja online. 😉 Die Nummer fand ich schnell…

Die Unfähigkeit Freunde zu finden

Sind wir in unserer Gesellschaft zu Einzelwesen verkommen? Wo ist der viel gelobte „solidarische Zusammenhalt“? Unsere Gesellschaft zerfällt. Zerfällt in Individuen, die nur noch ihre eigenen Vorteile sehen und suchen. Ob das ethisch korrekt ist, sei einmal dahin gestellt. Aber woher kommt das? Betrachten wir einmal, was in unserer Gesellschaft den Zwang erzeugt, unbedingt erfolgreich sein zu müssen: die Medien. Das ist nicht nur ein Klischee, das ist auch eine Tatsache, die sich nicht von der Hand weisen lässt. Im Alltag erlebe ich, wie wenig die Menschen aufeinander zugehen wollen. Man geht sich einfach aus dem Weg. Niemand interessiert sich für das Leben seiner Mitmenschen. „Ich mische mich nicht ein, in die Angelegenheiten anderer Leute!“ Das ist eine der Kernaussagen unserer Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Sicher, das ist eine recht bequeme Lebenseinstellung. Denn, solange ich mich nicht für das Leben der anderen interessiere, solange muss ich auch keine Stellung zu meinem Leben beziehen. Wie war das früher? Sind wir da als Kinder nicht dazu erzogen worden, bestimmte ethische und moralische Vorstellungen zu übernehmen? Die Kinder unserer Gesellschaft sind heute gänzlich anderen Einflüssen unserer Zeit ausgesetzt und haben deshalb auch vollkommen andere ethische und moralische Vorstellungen. „Freundschaft“ ist in ihrer Vorstellung nicht mehr mit einer Bindung verbunden, für uns Erwachsene von heute (Anm. d. A.: ich bin 1956 geboren) ist so etwas allenfalls eine lockere Bekanntschaft, mit jemand, dessen Nachnamen man noch nicht einmal weiß. Entscheidend ist aber der Umstand, dass die Kinder von heute nicht mehr in der Lage sind, tatsächliche persönliche Bindungen an einen anderen Menschen einzugehen. Viel mag es daran liegen, dass diese jungen Menschen von ihren Eltern auch keine emotionale Bindung erfahren haben. Die Ausprägung der Bindungsfähigkeit ist etwas, was Kinder in den ersten Lebensjahren erfahren und lernen und genau daran hindert sie diese Gesellschaft; viel zu schnell müssen sie rational erwachsen sein, selbst Entscheidungen treffen, die ihr ganzes späteres Leben beeinflussen, weil man sie zeitlebens auf diese Entscheidungen festlegt. Das war vor 50 Jahren noch nicht so. Allerdings hat es sehr bald schon, so etwa in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts angefangen, die Kinder durch Medien gezielt zu beeinflussen und das ging am allerbesten über deren Eltern. Die Zeitschrift Eltern hat dabei eine maßgebliche Rolle gespielt. Hier wurde schon damals über den Gruner+Jahr Verlag den Eltern ab 1966 vorgebetet, wie Kinder zu „funktionieren“ haben. Das hatte natürlich Auswirkungen auf eine ganze Generation von Eltern, also ab den 80er Jahren, die ihre Kinder quasi als Styling-Produkt ansahen und bei dem es nur noch darum ging, als Eltern gegenüber anderen Menschen als fähige und leistungsstarke Erzieher präsentieren können. Nicht nur in China, Japan, Korea oder Taiwan wurden die Kleinkinder schon im Krabbelalter einem gnadenlosen Konkurrenzdruck ausgesetzt, sondern auch hier in Deutschland, dank Gruner+Jahr. Es mutet schon einer gewissen Strategie an, dass wir von Kindern funktionales Wissen noch vor sozialer Erfahrung fordern und dass Förderung nur darauf angelegt ist, den Kindern möglichst schon im Mutterleib die Fähigkeiten eines erfahrenen Gefäßchirurgen anzugedeihen, noch ehe es überhaupt in der Lage ist, sich ausreichend sozial innerhalb einer Gesellschaft zu bewegen.